Collart: Die Kunst des Zusammenlebens

Freie Liebe

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Freie Liebe aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

Das findet Amazon zu Freie Liebe Partnerschaft: Zwiegespräche

Die freie Liebe definiert Liebe und eventuell auch Sexualität als natürliche seelische und körperliche Bedürfnisse, die frei von gesellschaftlichem Druck und Zwängen gelebt werden sollen.

Dazu gehört, dass Beziehungen ausschließlich und partnerschaftlich von den an ihnen Beteiligten definiert werden und ansonsten keinen Vorgaben unterliegen, was etwa die Dauer, die Anzahl der Beteiligten und die Stärke betrifft. Herkömmliche Liebeskonzepte wie die Ehe werden als besitzergreifend, ökonomisch begründet und unfrei kritisiert. Geschichtlich gibt es eine Entwicklung von ursprünglich eher freie Sexualität zu heute eher freie Liebe.

Es haben sich hier im Wesentlichen zwei unterschiedliche Begriffe herausgebildet. Einerseits wird der Begriff verwendet als Beschreibung Dritter für die Ansicht, die die Liebe als inhärent mit Freiheit verbundenes Phänomen beschreibt. Von den Vertretern dieser Ansicht wird in der Regel selbst einfach nur von „Liebe“ gesprochen, da der Term „Freie Liebe“ nach dieser Ansicht also einen Pleonasmus darstellt. Ein populärer Vertreter ist hier der Psychologe Peter Lauster. Liebe wird hier als psychologisches Phänomen verstanden, das eine an die Wahrnehmung gebundene Erscheinung darstellt, die im Moment erlebt wird (also keinen andauernden Zustand darstellt) und nicht erzwungen werden kann beziehungsweise sich sogar unter Zwang außerordentlich schlecht entfalten kann. Insofern ist die Freie Liebe in dieser Auffassung zunächst nicht als Forderung zu verstehen, wenngleich aus dieser Auffassung auch im Beispiel von Lauster dann in der Folge Institutionen wie die Ehe als überkommene Konstrukte angesehen werden.
Die Liebe wird hier differenziert von andauernden Phänomenen wie Beziehungen, die auch als potenziell hinderlich für die bedingungslos offene, wertungsfreie Wahrnehmung des Partners problematisiert werden.

Im Folgenden stellt dieser Artikel den Begriff Freie Liebe im Wesentlichen in seiner Verwendung seit den 1960er Jahren dar und wie er von modernen Anhängern Wilhelm Reichs und manchen Vertretern der Kommunebewegung wie der AAO verwendet wird. Dem voraus gehen historischen Entwicklung seit der Antike und insbesondere aus der feministischen Bewegung seit Mitte des 19. Jahrhunderts, welche die Ehe als Institution kritisierte, und Liebesbeziehungen ohne Einmischung des Staates vertrat.
Inhaltsverzeichnis
[Verbergen]

1 Befürworter
2 Kritiker
2.1 Christentum
2.1.1 Luthertum
2.1.2 Katholizismus
2.2 Anthropologie
3 Aktuelle Situation
4 Siehe auch
5 Literatur
6 Einzelnachweise

Befürworter [Bearbeiten]

Theoretisch hat Wilhelm Reich mit seiner Analyse der von ihm so bezeichneten sexuellen Zwangsmoral und seinen Schriften zur sexuellen Revolution zur Idee der freien Liebe ebenso beigetragen wie Herbert Marcuse, der sich für freie Ausübung der Sexualität und – damit verbunden – einer Auflösung der Kleinfamilie aussprach.

Marcuse und Reich beeinflussten wesentlich die Sexuelle Revolution und die Hippie-Bewegung, die sich selbst auch als love generation bezeichnete und mit dem Slogan Make love - not war unter anderem gegen die etablierten gesellschaftlichen Normen protestierte. Diese Forderungen nach freier Liebe stießen auf zeitgleich stattfindende Liberalisierungen der gesellschaftlichen Realität, die in der Sexwelle - also der Sexualisierung größerer Lebensbereiche und in der Kommerzialisierung sexueller und körperlicher Bedürfnisse – ihren Ausdruck fanden und nur teilweise mit der ursprünglichen Forderung nach freier Liebe als Ausdruck der Gesamtpersönlichkeit und freier Liebe als Protest gegen sexuelle und gesellschaftliche Beschränkungen harmonierten.

Bereits der Frühsozialist Charles Fourier (1772 - 1836) propagierte Gemeinschaften (Phalanstères), in denen Menschen gemeinsam leben und arbeiten sollten, unter anderem motiviert und zusammengehalten durch die freie Liebe. Über die Gemeinschaften hinaus bedeutet Freie Liebe im Sinne Fouriers jedoch auch die uneingeschränkte Entscheidung für jede Art von Partnerschaft und schließt damit auch Zweierbeziehungen usw. ein.

Befürworter des Konzepts freier Liebe führen an, sie hätten die Spontaneität menschlicher Liebe und Sexualität endlich von den Zwängen einer bürgerlich und religiös definierten Ehe und Moral befreit. Liebe sei das, was Spaß mache und Lust bereite, unabhängig von den dabei angewandten Mitteln und Wegen der sexuellen Bedürfnisbefriedigung.

Themen wie vorehelicher Geschlechtsverkehr, wilde Ehen, gemischte Wohngemeinschaften, Homosexualität, Fremdgehen, Ehescheidungen wurden zu einem gewissen Grad durch die sich zunehmend durchsetzende Idee der sexuellen Selbstbestimmung in der Gesellschaft und Gesetzgebung enttabuisiert.

In den Organisationen ZEGG, Tamera und assoziierten Gruppen wird – auch durch den Einfluss von Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels – Freie Liebe stärker von Freier Sexualität getrennt, um die es in der Vergangenheit eigentlich gegangen sei und die in der Regel wieder zum Rückfall in überwunden geglaubte Kleinfamilienstrukturen geführt habe. Liebe wird per se als frei beschrieben, sonst sei sie keine. Zwar hat Freie Liebe eine freiheitliche Sexualität zur Folge, aber es geht immer um den ganzen Menschen, nicht ausschließlich um die Lustbefriedigung, und insoweit um die persönliche und spirituelle Weiterentwicklung. Modellhaft wird dies nach Ansicht ihrer Mitglieder in Gemeinschaften wie ZEGG und Tamera gelebt. Während solche Gemeinschaften tief verschüttete Sehnsüchte und Bedürfnisse nicht nur nach Sexualität und Körperlichkeit, sondern auch Gemeinschaft, Geborgenheit und Nähe ansprechen, werden ZEGG und Tamera jedoch auch von Kritikern in Frage gestellt, teils wegen der (von Befürwortern des ZEGG abgelehnten) Einordnung der Aktionsanalytischen Organisation von Otto Muehl als Vorläuferprojekt, dem Dieter Duhm früher angehörte, teils wegen erheblicher Bedenken über die Techniken, mit denen Gemeinschaft hergestellt wird. Teilweise werden sektiererische oder kulthafte Tendenzen vermutet, zum Beispiel aufgrund der dominanten Führungsrolle von Personen wie Duhm und Lichtenfels oder einer gewissen Vermischung von politischen und spirituellen Ideen. Die Entscheidungsstrukturen in den Gemeinschaften beruhen nach deren Darstellung auf dem Konsensprinzip.

Demgegenüber bildet die Polyamory-Bewegung heute eine Art Subkultur ähnlich jener der bisexuell orientierten Menschen. Auf den Anspruch, dass eine nicht monogame Beziehungsform besser sei als die traditionelle, wird in aller Regel verzichtet.
Kritiker [Bearbeiten]
Christentum [Bearbeiten]

Die beiden großen christlichen Kirchen im deutschsprachigen Raum haben in ihren Grundsatzdokumenten eine grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber der Freien Liebe. Dies wird damit begründet, dass die Bibel gar keine andere Haltung zulasse. So fordere etwa Paulus die Nichtverheirateten zur Ehe auf, falls sie sich nicht enthalten können.[1]
Luthertum [Bearbeiten]

Auch die Lutherische Theologie kann nicht an den „Biblische(n) Grundlagen“ vorbei. Denn es „bleibt allein die Heilige Schrift der einzige Richter und die einzige Regel und Richtschnur (iudex, norma et regula), nach der […] alle Lehren gemessen und beurteilt werden sollen und müssen, ob sie gut oder böse, richtig oder unrichtig sind“;[2] vgl. auch FC Erster Theil.[3] Die Bekenntnisschriften stellen daher auch folgendes fest:

Die Ehe sei göttlichen Rechts. Das heißt, sie beruhe auf einem Gebot Gottes, sie sei eine gute, gottgewollte Schöpfungsordnung. Es handele sich um ein Naturrecht, das nicht aufhebbar sei. Nach dem Willen Gottes sei die Ehe ein lebenslanger Bund, der nicht aufgelöst werden solle. Ferner solle es keinen Ehebruch und Unkeuschheit geben, wozu die Freie Liebe ja führen kann. Da Ehebruch und Scheidung aber vorkämen, müsse dem unschuldigen Partner gestattet werden, wieder zu heiraten.[4] Das aber ist nicht gleichbedeutend mit Freier Liebe. Freie Liebe erlaubt überhaupt das, was Bibel und Luthertum als Ehebruch ansehen. Daher ist sie insgesamt aus lutherischer Sicht abzulehnen.
Katholizismus [Bearbeiten]

Durch den Sündenfall sei es zwar dazu gekommen, dass die „vom Schöpfer geschenkte Zuneigung“ von Mann und Frau zum Teil pervertiert worden sei. Doch im Katholizismus gilt die Ehe prinzipiell als unauflöslich. Sie sei von Gott gestiftet, er selbst besiegele das Eheband. Ehe bedeute für die Partner ein Herz und eine Seele werden und fordere die Bereitschaft, sich ganz seinem Partner hinzugeben. Polygamie widerspreche dieser ehelichen Liebe. Diese verlange unverletzliche Treue, welche durch das Sakrament der Ehe möglich werde.[5] Freie Liebe ist folglich nicht mit dem katholischen Glauben zu vereinbaren.
Anthropologie [Bearbeiten]
Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (bspw. Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Hilf bitte der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.

Von Anthropologen wird eingewandt, dass die menschliche Freiheit nicht unbegrenzt sei und auch die menschliche Sexualität eine Zielbestimmtheit (Finalität) aufweise, die nicht willkürlich umdefiniert werden könne. Freie Liebe mache die Person des Sexualpartners zum Objekt der Befriedigung, was der menschlichen Würde widerspreche. Die Kehrseite der in der so genannten „freien Liebe“ intendierten Auflösung der Kleinfamilien seien zerrüttete Ehen und Familien, ohne andere Möglichkeiten eines solidarischen Miteinander zu finden.

Als immanente Kritik der freien Liebe wird angeführt, dass entweder unmittelbar bei ihrem Vollzug oder erst im Nachhinein eine Ernüchterung (Desillusionierung) eintreten kann. Die rein sinnlichen Werte im Sinn des Hedonismus werden dabei als ungenügend für das eigene Leben empfunden. Das Resultat kann entweder der völlige Absturz in den Nihilismus oder die Verzweiflung sein oder aber auch eine Zuwendung zu personalen Werten und sinnstiftenden Elementen, wie der Ästhetik, dem selbstlosen Einsatz für die Mitmenschen sowie der Religion.

Aus anderer Perspektive wird die einseitige Reduzierung auf Sexualität kritisiert, Liebe – freie wie „konventionelle“ - umfasse weitaus mehr, und Liebe könne auch ohne jede Art von Sexualität stattfinden.
Aktuelle Situation [Bearbeiten]

Die Erfindung der Anti-Baby-Pille und Bewegungen wie Flower Power trugen dazu bei, dass viele Ideen der freien Liebe sich in der Gesellschaft etablierten.

Als Gegenstück einer „freien Liebe“ gilt eine ausschließlich eine Beziehung oder eine Ehe gebundene Sexualität oder der Verzicht auf Sexualität und Partnerschaft. Obwohl die Zahl der Eheschließungen in Deutschland bereits wieder zunimmt, gilt es als normal, zuvor ohne Trauschein zusammen zu leben oder mit wechselnden Partnern sexuell zu verkehren.

Der Staat geht zum Beispiel mit seiner Anti-AIDS-Werbung „Machs mit“ von einer Gesellschaft aus, in der die Sexualität mit wechselnden Partnern stattfindet und auch stattfinden darf. Parallel versucht er mit finanziellen Anreizen die Kleinfamilie zu fördern. Staatliche Nutzenerwägungen können insbesondere den Erhalt einer gesunden Altersstruktur der Gesellschaft berücksichtigen, die man sich vom Erhalt der Kleinfamilie verspricht.
Siehe auch [Bearbeiten]

Kommune I
AAO
ZEGG
Polyamory
Promiskuität
Romantik
Sexualmoral
Tamera

Literatur [Bearbeiten]

Befürworter:

Lauster, Peter: Die Liebe. Psychologie eines Phänomens. Reinbek bei Hamburg 1988
Lauster, Peter: Lassen Sie der Seele Flügel wachsen. Wege aus der Lebensangst. Reinbek bei Hamburg 1991
Duhm, Dieter: Der unerlöste Eros. Verlag Meiga, Wiesenburg 1998

Kritiker:

Austad Torleiv: Neues Leben. 7. Ehe und Familie. In: Theologie der lutherischen Bekenntnisschriften. Gütersloh 1996
EKD (Herausgeber): Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. Stuttgart 1985
Johannes Paul II: Art. 7 Das Sakrament der Ehe. In: Katechismus der Katholischen Kirche (Weltkatechismus), München 2005
Pöhlmann, Horst Georg (Herausgeber): Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. § 875 (Epitome der Konkordienformel, Vorwort Punkt 3). Gütersloh 1991 (3. Auflage)

Einzelnachweise [Bearbeiten]

↑ 1 Kor 7,9 LUT
↑ Pöhlmann, Horst Goerg (Hg.): Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. § 875 (Epitome der Konkordienformel, Vorwort Punkt 3). Gütersloh 1991 (3. Aufl.)
↑ FC Erster Theil 1.
↑ vgl. Austad, Neues Leben, in: Theologie der lutherischen Bekenntnisschriften, S. 130–132)
↑ vgl. Johannes Paul II: Katechismus der Katholischen Kirche (Weltkatechismus), Art. 7, Das Sakrament der Ehe, 2005